Die Verhaltenstherapie ist keine starre Methode, sondern wurde über mehrere Jahrzehnte hinweg weiterentwickelt. Häufig wird heute deshalb von drei „Wellen“ der Verhaltenstherapie gesprochen:

• In der ersten Phase stand vor allem eine Veränderung des beobachtbaren Verhaltens im Mittelpunkt. Man ging davon aus, dass problematische Verhaltensweisen erlernt wurden – und daher auch wieder verändert werden können.

• Später, im Verlauf der 1970er und 1980er Jahre, wurde deutlich, dass nicht nur Verhalten, sondern auch unsere Gedanken eine wichtige Rolle spielen. Wie wir Situationen bewerten, beeinflusst unsere Gefühle und unser Handeln. Der Fokus wurde also neben der Verhaltensveränderung stärker auch auf das Erkennen und Verändern ungünstiger Gedanken und Bewertungen gelegt (Kognitive Verhaltenstherapie).

• In den 1990er Jahren entwickelten sich neuere Ansätze, die heute zur sogenannten „dritten Welle der Verhaltenstherapie“ gezählt werden. Hierzu gehören verschiedene Therapieansätze, die sich zum Teil deutlich voneinander unterscheiden.

Zu den Ansätzen der „dritten Welle“ gehören beispielsweise die Akzeptanz- und Commitmenttherapie, die Schematherapie, die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) oder die Metakognitive Therapie. Eine Gemeinsamkeit vieler dieser Ansätze ist, dass sie sich stärker damit beschäftigen, wie wir mit innerem Erleben umgehen. Es geht darum, eine andere Haltung zu Gedanken und Gefühlen zu entwickeln, statt zu versuchen, sie zu verändern oder wegzuschieben. In der Therapie lernen Patient*innen neue Wege kennen, im Alltag anders zu handeln – auch dann, wenn schwierige Gedanken oder Gefühle weiterhin auftreten. Manche dieser Ansätze betonen stärker, dass psychische Beschwerden auch mit früheren Beziehungserfahrungen zusammenhängen können. In der Therapie geht es deshalb darum, festgefahrene Muster schrittweise zu verändern.

Eine Gemeinsamkeit der neueren Ansätze ist, dass sie die klassischen Methoden um zusätzliche Elemente wie Akzeptanz, Achtsamkeit und Mitgefühl ergänzen. Diese stammen teilweise aus anderen Therapieformen oder auch aus anderen Kontexten (z. B. aus der Achtsamkeitspraxis). Die „dritte Welle“ erweitert damit die klassische Verhaltenstherapie um neue Perspektiven, ohne deren bewährte Grundlagen zu ersetzen. Die Metapher der Welle macht deutlich, dass diese Ansätze weder ein Neuanfang noch ein Endpunkt in der Entwicklung von Psychotherapie sind.

Beck., A. T. (2021) Eine 60-jährige Entwicklung der kognitiven Theorie und Therapie. Verhaltenstherapie& Psychosoziale Praxis03/2021.

Harris, R. (2020). ACT leicht gemacht: Ein Leitfaden für die Praxis der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (2.Auflage). Arbor-Verlag.

Heidenreich, T.; Michalak, J. (2013). Einführung. In Heidenreich, T.; Michalak, J. (Hrsg.), Die „dritte Welle“ der Verhaltenstherapie. Grundlagen und Praxis (1. Auflagen, S. 13-19). Beltz Verlag.

Wagler, S. (2022). Praktische Einführung in ACT als Prozessorientierte Therapie. Verhaltenstherapie& Psychosoziale Praxis04/2022.