Das „Bio-Psycho-Soziale Modell“ ist ein wissenschaftliches Rahmenkonzept zur Erklärung von Gesundheit und Krankheit. Es geht davon aus, dass psychische Störungen nicht auf eine einzelne Ursache zurückgeführt werden können, sondern durch das Zusammenwirken biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren entstehen und aufrechterhalten werden.
Einfach formuliert: Psychische Beschwerden entwickeln sich aus mehreren gleichzeitig wirkenden Einflüssen, die sich gegenseitig beeinflussen.
Begründet wurde das Modell 1977 von George L. Engel. Es stellte eine Erweiterung des bis dahin vorherrschenden biomedizinischen Krankheitsmodells dar, das Erkrankungen primär als Folge körperlicher Fehlfunktionen verstand. Engel betonte, dass insbesondere psychische Störungen nur dann angemessen verstanden werden können, wenn neben biologischen Prozessen auch subjektives Erleben und soziale Lebensbedingungen berücksichtigt werden.
Die drei Ebenen im Überblick
Biologische Ebene
Auf biologischer Ebene werden körperliche und neurophysiologische Prozesse einbezogen. Dazu zählen genetische Dispositionen, Veränderungen im Neurotransmittersystem, hormonelle Einflüsse, chronische körperliche Erkrankungen, Schmerzprozesse oder Schlafregulation. Forschungsergebnisse zeigen beispielsweise, dass bei depressiven oder Angststörungen bestimmte neurobiologische Muster gehäuft auftreten. Diese Faktoren können die individuelle Anfälligkeit beeinflussen, erklären jedoch für sich genommen nicht das gesamte Störungsbild.
Psychologische Ebene
Hier stehen individuelle Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster im Mittelpunkt. Dazu gehören grundlegende Überzeugungen über sich selbst und andere, typische Bewertungs- und Interpretationsstile, Emotionsregulation, Selbstwertentwicklung sowie Lernerfahrungen aus Kindheit und Jugend. Auch erlernte Bewältigungsstrategien im Umgang mit Stress oder Konflikten spielen eine Rolle. Psychologische Faktoren tragen dazu bei, wie belastende Situationen verarbeitet werden und ob sich Symptome verstärken oder abschwächen.
Soziale Ebene
Die soziale Ebene umfasst zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Partnerschaft, Familie, Freundschaften, Arbeitsbedingungen, soziale Unterstützung, finanzielle Belastungen oder kulturelle Erwartungen können das psychische Befinden maßgeblich beeinflussen. Chronische Konflikte, soziale Isolation oder anhaltender Leistungsdruck gelten beispielsweise als relevante Belastungsfaktoren im Zusammenhang mit verschiedenen psychischen Störungen.
Bedeutung für das Verständnis psychischer Erkrankungen
Das „Bio-Psycho-Soziale Modell“ wird in der Psychotherapie als Erklärungsmodell genutzt, weil es die Komplexität psychischer Störungen systematisch abbildet. Anstatt nach einer einzelnen „Ursache“ zu suchen, ermöglicht es eine mehrdimensionale Betrachtung individueller Problemlagen. So kann bei einer Angststörung etwa eine erhöhte körperliche Erregbarkeit (biologisch), eine ausgeprägte Aufmerksamkeitsfokussierung auf mögliche Gefahren (psychologisch) sowie ein belastendes oder wenig unterstützendes Umfeld (sozial) gemeinsam zur Entstehung und Stabilisierung der Symptomatik beitragen.
Für Diagnostik und Behandlungsplanung bietet das Modell damit einen strukturierten Orientierungsrahmen. Es unterstützt ein differenziertes Verständnis psychischer Beschwerden, indem körperliche Voraussetzungen, persönliche Entwicklung und aktuelle Lebensbedingungen gleichermaßen berücksichtigt werden.
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Quellen
– Porter, R. J. (2020). The biopsychosocial model in mental health. Australasian and New Zealand Journal of Psychiatry, 54(8), 773–774.
– Lehrbuch der Psychotherapie. Herausgegeben von Wolfgang Senf & Michael Broda. 3. Auflage, 2012. Stuttgart: Thieme.
– Bundespsychotherapeutenkammer (2019). Richtlinien Verfahren in der Psychotherapie. Berlin.
– Therapie Tools Störungsmodelle in der Verhaltenstherapie, Heßler Kaufmann, J. & Neudeck, P., 2020, Beltz: Weinheim.




