Verlieren Kinder ab 5 Jahren noch regelmäßig Urin, wenn organische Ursachen bereits ausgeschlossen sind, spricht man laut ICD-10-Klassifikation von einer Enuresis. Für die Diagnose muss das Einnässen über mindestens 3 Monate hinweg eine gewisse Häufigkeit aufweisen, ab 7 Jahren beispielsweise mindestens monatlich. Passiert dies ausschließlich nachts, handelt es sich um eine Enuresis nocturna. Betrifft es den Tag, liegt eine nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz vor. War das Kind noch nie länger trocken, liegt als Verlängerung der frühkindlichen Inkontinenz eine primäre Enuresis vor; tritt sie nach einer stabilen Trockenperiode von mindestens einem halben Jahr auf, zählt sie zur sekundären Form.
Statistiken zeigen hierbei, dass nächtliches Einnässen 2- bis 3-mal häufiger auftritt als Einnässen tagsüber. Bei den 3-Jährigen betrifft dies nachts noch 43,2 %, bei den 5-Jährigen 15,7 % und bei den 10-Jährigen nur noch 2,5 %. Im frühen Grundschulalter, bei 7-Jährigen, nässen so etwa 10% der Kinder in der Nacht und 3-5% der Kinder tagsüber ein. Insgesamt sind Jungen vom nächtlichen Einnässen fast doppelt so häufig betroffen wie Mädchen (Verhältnis von 1 Mädchen zu 1,5-2 Jungen). Tagsüber dominierende Formen wie die Überaktive Blase (Dranginkontinenz), die Harninkontinenz bei Miktionsaufschub oder die Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination (eine Form der Muskelfehlkoordination) treten hingegen etwas häufiger bei Mädchen auf (1- 1,5 Mädchen im Verhältnis zu 1 Jungen).
Hinter der Enuresis steckt ein gestörter Regelkreis zwischen Blase und Gehirn. Die psychotherapeutische Diagnostik klärt diese Mechanismen im gemeinsamen Gespräch auf. Auch Eltern-Fragebögen zum Verhalten und Befinden des Kindes und ein Blasentagebuch (Miktionsprotokoll) liefern hier wichtige Daten. Zur Absicherung der Diagnose benötigt es zudem eine allgemeinpädiatrische Untersuchung zum Ausschluss von ursächlichen Erkrankungen wie Epilepsie oder strukturellen Fehlbildungen. Zusätzliche, spezielle, schmerzfreie Verfahren zur Messung der Entleerungsfunktion (Uroflowmetrie) und oder der Muskelaktivität des Beckenbodens (Elektromyogramm) können hier zum Einsatz kommen.
Der wichtigste Grundpfeiler der Behandlung ist die Urotherapie, die zur Verhaltenstherapie zählt. Sie beinhaltet Aufklärung, nimmt Schuldgefühle und trainiert das richtige Trink- und Toilettenverhalten, beispielsweise nach der 7-Becher-Regel. Kinder lernen hierbei ihre ausreichende Trinkmenge gleichmäßig über den Tag zu verteilen, die Blasenfüllung frühzeitig wahrzunehmen und die Blase bei Harndrang in entspannter Haltung rasch zu entleeren. Insbesondere bei der nächtlichen Enuresis kann die Apparative Verhaltenstherapie mittels Weckgeräten (z. B. „Pieselpiepser“) hinzugezogen werden, idealerweise kombiniert mit einem Verstärkerplan oder Arousal-Training (z.B. über Belohnungen bei positivem Verhalten). Eine Pharmakotherapie (z. B. mit Desmopressin zur Senkung der nächtlichen Urinmenge) kommt meist erst nachgelagert, oder wenn rasche Erfolge (z. B. für eine Klassenfahrt) nötig sind, zum Einsatz.

http://www.icd-code.de/icd/code/F98.1.html (Zugriff am 03.07.26)
Esser G. Hrsg. (2015). Klinische Psychologie und Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen (5. vollständig überarbeitet Auflage). Georg Thieme Verlag.

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ): Interdisziplinäre S2k-Leitlinie: Enuresis und nicht-organische (funktionelle) Harninkontinenz bei Kindern und Jugendlichen. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-026 (Zugriff am 03.07.26)