Folgt man dem griechischen Wortstamm hypo („ὑπό“ im Sinne von unterhalb), handelt es sich um eine schwächere Form der Manie. Entlang der international gültigen Diagnosekriterien einer Hypomanie lässt sich dies durchaus bestätigen; hypomanische Symptome sind per Definition weniger stark ausgeprägt, weniger umfangreich und bereits ab einer kürzeren anhaltenden Dauer von 4 Tagen, gegenüber einer Woche bei der Manie, diagnostizierbar. Erleben Menschen eine hypomanische Episode, kann es also ebenfalls zu den „typisch manischen“ Symptomen kommen: E
iner unangemessen gehobenen Stimmung, unkontrollierbarer Erregung, Überaktivität, Rededrang, geminderter Distanz zu Mitmenschen, vermindertem Schlafbedürfnis, erhöhter Ablenkbarkeit, risikoreichem Verhalten, Selbstüberschätzung oder auch stärkerer Ablenkbarkeit. Jedoch geschieht dies dann oftmals in einem Umfang, der nicht unbedingt in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in wichtigen sozialen oder beruflichen Lebensbereichen erzeugen mag. Möglicherweise fällt hypomanisch geprägtes Verhalten Familie, Freunden und Kollegen gar nicht oder lediglich durch gesteigerte Reizbarkeit, leicht gesteigertes Selbstbewusstsein, euphorische Geselligkeit oder leichte Übertritte sozial angemessenen Verhaltens („rücksichtsloses Verhalten“) auf.
Treten hypomanische Episoden jedoch immer wieder und beispielsweise im Zusammenspiel mit depressiven Symptomen auf, so kann sich hieraus durchaus Leidensdruck und damit eine störungswertige Diagnose ergeben. Vielmehr tritt die Hypomanie häufig im komplexen Zusammenspiel mit anderen Erkrankungen des Affektes auf, bei denen dem Wechsel der Symptome im zeitlichen Verlauf eine besondere Bedeutsamkeit zufällt: Kommt es nach mindestens zweiwöchiger depressiver Episode zu einer hypomanischen Episode, handelt es sich um eine Bipolar-II-Störung. Treten über mindestens 2 Jahre immer wieder leichte depressive und hypomanische Episoden im Wechsel auf, so kann eine zyklothyme Störung vorliegen. Die genaue Bestimmung einer hypomanischen Episode ist im Zusammenspiel mit intensiveren manischen oder depressiven Symptomen jedoch für Betroffene und Behandler kein Leichtes. Gegebenenfalls wird eine hypomanische Episode nach einem depressiven Tief sogar wie ein positives Aufatmen empfunden, wenngleich selbst- und fremdgefährdendes Verhalten durchaus auftreten kann. Umso wichtiger ist es also im Patienten-Behandler-Team ganz genau hinzuschauen, ausdrücklich auch Angehörige miteinzubinden, um den zumeist höchst individuellen Phasenverlauf zu durchdringen und geeignete therapeutische Maßnahmen und Rückfallprophylaxe-Strategien hiervon ableiten zu können.
Quelle: DGBS e.V. und DGPPN e.V.: S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen. Langversion, 2019.




